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Coworking: aufbrechen, anpacken, anders leben

Herausforderung und Chance für Gemeinden und Organisationen Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, 221 Seiten., Broschur

"Coworking und Kirche"

Der im vergangenen Monat im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienene Sammelband "Coworking: aufbrechen, anpacken, anders leben" widmet sich mit der Frage nach "Coworking und Kirche" einem noch recht kleinen Nischenthema im Coworking-Umfeld. Dabei liegt die Verbindung nahe: In beiden "Bewegungen" spielen Gemeinschaft und der konkrete Raum, in der sich die Gemeinschaft konstituiert eine zentrale Rolle. Dass die Gemeinsamkeiten noch weiter reichen und eine Nutzung von kirchlichem Raum als Arbeitsraum im Sinne der Coworking-Bewegung sinnvoll ist und auch in vielen Projekten bereits umgesetzt wird, dokumentiert der vorliegende Band.

 

Die von Dorothea Gebauer und Jürgen J. Kehrer herausgegebene Sammlung ist in fünf Hauptabschnitte gegliedert:

 

  1. Arbeit im Wandel - Wie ein Phänomen entsteht: Coworking
  2. Coworking theologisch begründet
  3. Anfangen, anpacken, anders leben! Acht Beispiele aus der Praxis
  4. Chance für Kirche
  5. Wie mache ich das? Service

 

Der profane und der kirchliche Blick

 

Besonders interessant ist der doppelte Blickwinkel, einmal aus der Richtung der "profanen" Coworking-Bewegung und dann eben aus kirchlicher Sicht. So werden je nach Blickwinkel die unterschiedlichen Facetten des gemeinsamen Bildes deutlich, das unter dem Titel "Gemeinschaft" gezeichnet wird. "Gemeinschaft" ist dabei auch für die Coworking-Bewegung ein zentraler Wert, der sich als Teil der fünf "Grundwerte des Coworking" etabliert hat, Christopher Schmidhofer nennt sie in seinem einführenden Beitrag: Offenheit, Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft, Zugänglichkeit. (S. 45) Dieser werteorientierte Ansatz ist die Basis, auf der Coworking dann auch für die kirchlich-diakonische Praxis anschlussfähig wird.

 

Diese Nähe beschreibt Dorothea Gebauer im zweiten Teil sehr treffend, der sich mit der theologischen Begründung kirchlichen Coworkings befasst: "Der Aufbau einer Community erfordert Werte, die dem Gemeindeaufbau nahe sind: Nähe schaffen, Beziehung riskieren, Bedeutung geben." (S. 79) Ob wirklich eine Linie vom mittelalterlichen Scriptorium zum modernen Coworking Space gezogen werden kann, wie es Maria Herrmann macht, darf gerne hinterfragt werden. Der dahinter liegende Gedanke des Innovationsortes als "Ort der Kombination" ist aber ein interessanter Aspekt, der dem Grundwert "Kollaboration" aus Richtung der Benediktsregel nachspürt und ihm eine neue Bedeutung verleiht.

 

Chancen für die Kirche

So nahe die Verbindung von Coworking und Kirche auch liegen mag, gibt es doch auch ganz handfeste Gründe, die hinter der Beschäftigung mit Coworking im kirchlichen Kontext stehen. Die christlichen Kirchen stehen am Anfang eines Transformationsprozesses, der in diesem Kontext durch die Begriffe "Milieusensibilität" (Thomas Schalla, S. 172) und "Gemeinwesenarbeit" (Monika Neht, S. 189) umrissen wird. Denn die Kirchen stehen vor der Frage, wie sie sich weiter ausdifferenzierende Milieus erreichen kann, zu denen sie kaum Zugang findet. Hier können Coworking Spaces helfen, Anschluss an universitär geprägte, moderne, digitale Milieus zu finden. "Traditionelle kirchliche Angebote sind zwar für einen Teil der jüngeren Generation mit Blick auf den damit verbundenen Wertekanon interessant, gleichzeitig sind die prägenden Erfahrungen mit dem Engagement im kirchlichen Bereich abschreckend." (Thomas Schalla, S. 171) Hier können kirchliche Coworking Spaces eine Brücke schlagen, da sie mit "gemeinwesenorientierten Kirchengemeinden" (Monika Neht, S. 197) zentrale Werte wie Zugänglichkeit, Nachhaltigkeit, Offenheit und Gemeinschaft teilen. Mit dem Rückgriff auf die Grundwerte des Coworking wird so die gemeinsame Ausrichtung von Kirche und Coworking Space als zum Gemeinwesen (zur "Nachbarschaft") offene Ort der Gemeinschaft beschrieben.

 

"Best Practise" und Service

Zwei Kapitel des Buches widmen sich praktischen Aspekten. Im dritten Kapitel werden Praxisbeispiele wie das "Kairos 13" in Karlsruhe oder die "Villa Gründergeist" in Frankfurt am Main vorgestellt. Das fünfte und letzte Kapitel liefert unter der Überschrift "Service" zahlreiche Praxistipps, hilfreiche Adressen und weiterführende Literatur.

 

Durch den großen Schwerpunkt auf kirchlich-theologischen Themen ist das Buch für alle Menschen eine "Pflichtlektüre", die sich mit Coworking im kirchlichen Kontext beschäftigen. Die theologische Grundlage und die Rolle und Chancen von Coworking im kirchlichen Kontext werden in großer Tiefe entfaltet und sind, soweit ich das überblicken kann, der erste Versuch, dieses neue Phänomen umfassend in den Blick zu nehmen.

Der praktische Teil als zweiter Schwerpunkt ist dagegen eher einführender Natur und wird vor allem Menschen ansprechen, die sich noch nicht intensiver mit Coworking befasst haben. Durch diese Gewichtung ist das Buch ein unbedingt empfehlenswerter Einstieg für alle kirchlichen Praktiker, die einen Zugang zum Thema Coworking suchen. Die Tiefe der theologischen Grundlegung und die unterschiedlichen Beispiele aus der kirchlichen Coworking-Praxis machen es aber auch zu einer lohnenden Lektüre für alle, die sich vertieft in dieses neue und interessante Nischenthema der Coworking-Bewegung einlesen möchten.

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Around the world in 250 coworking spaces

Pauline Roussel / Dimitar Inchev 2021, 350 S., Broschur

"Around the world"

Pauline Roussel und Dimitar Inchev sind viel rumgekommen. Für ihre Plattform Coworkies

haben sie unzählige Coworking Spaces auf der ganzen Welt besucht und ein breites Netz an Kontakten geknüpft. So lag es nahe, diese Erfahrungen in einem Buch zusammenzufassen und sie damit der weltweiten Coworking Community zur Verfügung zu stellen.

Schwerpunkte sind Europa,Nordamerika und Ostasien, Afrika und Südamerika kommen ein wenig knapp weg - was aber auch am dünneren Angebot vor Ort liegen kann.

Die Orte und Länder sind jeweils an der Längsseite notiert, so dass man wie in einem Daumenkino durchflippen kann. Es gibt ein Register nach Stichworten und eine alphabeitsche Auflistung, ansonsten gilt der Hinweis:

"Let randomness guide you, explore at your own pace. If you do not have a concrete esploration plan for the book, that's also ok. Roam around it freely by simply flipping to a random page. The journey is yours to make."

Und das ist ein guter Rat, denn das Buch ist eine Schatzkiste voller Ideen und Entdeckungen. Auf meiner Entdeckungsreise fand ich viele bekannte Orte, aber auch völlig unerwartet einen Coworking Space in der Bergstation des Schweizer Skigebiets, in dem ich als Jugendlicher einige Jahre lang mit meinen Eltern die Winterferien verbracht habe. Damals in den 80ern war an Coworking natürlich noch nicht zu denken gewesen.


"in 250 coworking spaces"

Von Seite zu Seite wird immer deutlich, wie unterschiedliche Orte sich hinter dem Schlagwort "Coworking" versammeln: Kleine, von den Gründer*innen geführte Spaces ebenso wie große, mit Wagniskapital ausgestattete Dienstleistungsunternehmen. Coworking Spaces mit unterschiedlichsten Profilen, von der Schuhwerkstatt bis zum Kochstudio. Gemütliche Bürogemeinschaften bis zu professionellen Hochglanzbüros. Die zahlreichen Farbbilder geben einen tollen Eindruck, und eigentlich sind sie ohnehin fast am wichtigsten. Denn "Coworking" sollte ohnehin mehr erlebt als erlernt werden, da sind Bilder ein viel besseres Medium als purer Text. Um es mit einem treffenden Bild aus dem Buch zu sagen: "Coworking is the same dish everyone cooks differently."


"Our mission: to teach as many people as possible about the diversity of the coworking world."

Und das nicht nur in Bildern und Beschreibungen, sondern auch in einführenden Passagen zu Praxisthemen:

  1. Jobs in coworking spaces
  2. Member-driven innovation
  3. Sharing the stories of people and spaces
  4. Connecting to the wider coworking community
  5. The community of community managers
  6. Discover the many ways of coworking
  7. Build your own coworking space
  8. Teaching people and companies about coworking


Zusätzlich gibt es noch drei längere Abschnitte zu elektronischen Zugangssystemen (Salto), Interior Design (Kinnarps) und die Anwendungsstudie der Verfasser*innen gemeinsam mit dem Architekturbüro archabits.


Das Buch "Around the world in 250 coworking spaces" ist eine riesige Fundgrube an Wissen, Ideen, Anregungen, Kontakten, Eindrücken und unverzichtbar für alle, die für Coworking brennen.


Wenn die Buchvorstellung Euer Interesse geweckt hat, könnt Ihr es für 60 € hier bestellen.

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Office Pioneers

Ausblick auf das Büro 2030 Visionen. Chancen. Herausforderungen. Robert Nehring (Hg.) Prima Vier, 2019, 208 S.

46 Thesen zur Zukunft des Büros und der Büroarbeit - das ist kurzgefasst der Inhalt dieses Sammelbandes.

Ein bunter Strauß von "professionellen" Büroarbeiter*innen beleuchtet die Möglichkeiten und Beschränkungen, denen sich der sogenannte "erste Ort der Arbeit", nämlich das klassische Büro, im kommenden Jahrzehnt stellen muss.

Eines ist alles gemeinsam: sie arbeiten in ihren jeweils ganz unterschiedlichen Bereichen intensiv an der Gestaltung eben dieser Zukunft mit.

Einige wenige Essays sind hier beispielhaft genannt, sie stehen stellvertretend für die ganz Breite der in diesem Band vertretenen unterschiedlichen Sichtweisen und Positionen.


Ausgangspunkt ist der Büroraum und seine Gestaltung. Da spielen die Pespektiven von Architekt*innen und Designer*innen eine zentrale Rolle, wie in dem Beitrag von Pia A. Döll "Design, na und? So sehen Innenarchitekten das Büro 2030."

Aber auch Detailfragen werden beleuchtet, wie von

Christian Nocke mit seinem Essay "Wege zur richtigen Akustik in Büroräumen".

In diesem Feld bewegen sich auch noch Fragen zur Nachhaltigkeit und öko-fairer Beschaffung, denen drei Beiträge nachgehen.


Einen anderen Weg beschreiten die Autor*innen, in deren Überlegungen nicht der Ort, also das "Wo", sondern das "Wie" der Arbeit im Mittelpunkt steht. So fragen Sabine Sauber / Michael O. Schmutzer in ihrem Beitrag "Mehr als ein einziger Ort. Braucht New Work noch ein Büro?" Denn ist es tatsächlich der Büroraum, der sich ändert? Hierauf antwortet Tobias Kremkau: "Es gibt kein Büro der Zukunft. Arbeit ändert sich, nicht aber der Ort."

Insgesamt wird in der Vielzahl der Beiträge deutlich, dass der physische Raum zwar auch betimmte Funktionen erfüllen muss, der Blick sich aber immer stärker auf die in ihm arbeitenden Menschen und ihre Anforderungen und Bedürfnisse richten soll.

So würde die Überschrift zu dem Beitrag von Torsten Buchholz "Der Mensch im Mittelpunkt. Büros als individuelle Ökosysteme." auch als Überschrift zum Sammelband als Ganzem gut passen.

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